Von Liebe und den Anfängen des Christentums

Kursreihe „Jesus, Judas und das Judentum“ zum Roman Judas von Amos Oz

In einem gewissen Sinn sind wir es wohl alle: theologisch interessiert, von der Kita bis zum Seniorenheim. Gleichwohl ist dieses Interesse nicht so leicht in „Teilnehmerzahlen“ umzuwandeln, sodass ein Kursangebot beispielsweise zur Frühgeschichte des Christentums oder zur „heilsgeschichtlichen Bedeutung des Judas Iskariot“ oder der „Rezeption Jesu im sog. Frühjudentum“ ein Selbstläufer wäre – auch nicht zur Passionszeit. Dr. Christian Schramm, Neutestamentler der Arbeitsstelle für pastorale Fortbildung und Beratung in Hildesheim und Gabriele Bonnacker-Prinz, Diplomtheologin / KEB haben den Versuch unternommen, ein gemeinsames Nachdenken über solche Themen mittels des Romans „Judas“ des israelischen Schriftstellers Amos Oz anzuregen.

Allem voran ist dies eine Liebesgeschichte – in vielfacher Hinsicht. Sie eröffnet die Möglichkeit, sich Fragen der Dogmatik und der Bibel- bzw. Einleitungswissenschaft von überraschender Perspektive aus zu stellen. Die theologischen Fragestellungen ergeben sich durch die Lektüre des Romans so, dass man ihnen die Tür wie einem alten Freund öffnen mag, und sie dann schnell als die eigenen, lang gehegten Fragen erkennbar werden. Vielleicht ist die Passionsgeschichte doch für unser persönliches Theologisieren weit nachhaltiger als etwa die Weihnachtsgeschichte. Jedenfalls hatten die Teilnehmenden vieles von lang gehegten Fragen und Antwortversuchen im Hinblick auf das Passionsgeschehen zu berichten.

Für den dreiteiligen Kurs „Jesus, Judas und das Judentum“ wurde in der Passionszeit das Hildesheimer Michaelis Welt Café als Veranstaltungsort ausgewählt, um zwischen Menschen unterschiedlicher Interessen einen leichten Zugang sowie ein möglichst offenes Gespräch ohne Hemmnisse zu ermöglichen. Bei Tee und Kaffee kann man die hereinbrechende Dunkelheit in den Straßen des Michaelisviertels erleben und auf die erleuchtete Michaeliskirche sehen. Ganz Ähnliches ermöglicht der Roman, der Ende 1950 Anfang 1960 in Jerusalem spielt. Die Wege dreier Menschen treffen sich dort in einem alten Haus, in dem ein hilfsbedürftiger alter Mann, seine herbe und verschlossene Schwiegertochter und ein junger Mann kaum ein Jahr miteinander verbringen, jedoch immer wieder – teils wortlos – auf einige bedeutsame Jahre zurückblicken. Dieser junge Mann ist asthmatisch, irgendwie linkisch und verschroben. Er liebäugelt mit dem Kommunismus und macht seinen in finanzielle Schwierigkeiten geratenen Eltern dadurch noch mehr Kummer, dass er sein Studium abbricht. Bis zu diesem Zeitpunkt war er mit dem Schreiben einer Abschlussarbeit über die seiner Ansicht nach vollkommen verkannte Bedeutung Jesu im Judentum beschäftigt. Amos Oz bezeichnet in einem Interview jene drei Menschen, die sich am Ende des Romans – freilich ohne Happy End – in unterschiedlicher Weise zu lieben gelernt haben, so: ein gealterter Anti-Idealist, ein verträumter Revolutionär und eine von den Männern enttäuschte Frau. Anhand dieser drei Figuren werden die zentralen Themen Selbsttreue, Glaube und Verrat durchdekliniert. Dr. Christian Schramm stellt hierbei heraus, dass die Romanhandlung die Gestalt des Judas Iskariot, den Verrat, ja sogar ein ganz persönliches Erleben des Kreuzigungsgeschehens durch jeden der drei Protagonisten des Romans unterschiedlich ins Spiel bringt. Auf diese Weise wird eine Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Facetten und Wirkungen dessen möglich, was man christlicherseits den Verrat des Judas nennt, und welcher auf der historischen Ebene viele Fragen aufwirft. Beispielsweise die, worin der Verrat des Judas eigentlich bestand und wovon sich Judas leiten ließ. Die Position des Amos Oz wird schnell klar: Von Niedertracht ist dieser Verrat nicht geleitet, heißt das Buch im Original doch sprechend: „Das Evangelium des Judas“. Die Beschäftigung mit diesem „interreligiösen“ Roman und sich rege einbringenden Teilnehmenden hat nicht nur ermöglicht, alte Fragen neu zu kontextualisieren, sondern zeigte auch, was Amos Oz sagt: „Es geht um Verrat und Loyalität und darum, dass nicht alles, was wie Verrat aussieht, wirklich Verrat ist.“ Und weiter: „Manchmal sind die Verräter nur ihrer Zeit ein wenig voraus.“

Dr. Christian Schramm, Leiter der Bibelschule Hildesheim

Der Dramaturgie der Beziehungsgeschichten, die dieser Roman erzählt, folgend, gliederte sich der Kurs in drei Abschnitte, die der Frage nach dem Monotheismus bzw. Messianismus Jesu aus christlicher Sicht nachging und der Tat von Judas Iskariot, die zum Inbegriff des Widerwärtigen wurde und deren Wirkungsgeschichte sich für die Juden verheerend auswirkte. Amos Oz nennt die Judaserzählung das „Tschernobyl für den Antisemitismus“. Um die in Jerusalem und – auch hier ein Verrätermotiv! – in der Zeit der Anfänge des jüdischen Staates verwurzelte Romanhandlung richtig einordnen zu können, wurde der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Hildesheims, Wolf-Georg von Eickstedt, eingeladen, der anhand des geistesgeschichtlichen Nebeneinanders von Judentum und entstehendem Christentum referierte und eindrücklich zu zeigen vermochte, dass nicht nur die ersten Christen sich mit dem Judentum auseinandersetzten, sondern dass das Judentum gleichfalls durch die Thorarezeption der Christen in seiner Rezeption der eigenen Quellen beeinflusst wurde. So blieb das von Christen mit Blick auf die Passion besonders gewürdigte Motiv des „Gottesknechtes“ (Jes 52–53) jüdischerseits äußerst schwach rezipiert.

Wenn Amos Oz seinen linkischen Protagonisten Schmuel Asch im Hinblick auf die Göttlichkeit Jesu sagen lässt: „ich glaube keine Sekunde daran …, aber ich liebe ihn“, ist zusammengefasst, was Juden und Christen eint und gleichermaßen trennt: Sie eint die jesuanische Ethik, sie eint der Glaube des Jesus von Nazaret, aber sie trennt der Glaube an seine Göttlichkeit. Diese Frage vermag das Buch jedoch in dieser wiederholt geäußerten Verehrung für den Mann aus Nazaret aufzulösen. Denn: Was bliebe vom Glauben ohne liebende Verehrung?

Der Roman „Judas“ von Amos Oz erwies sich als ein guter Geburtshelfer für die Diskussion zentraler theologischer, religionsgeschichtlicher, aber auch ganz persönlicher Fragen. Aber auch der Frage, die man in einem „Liebesroman“ nicht recht erwartet, wie nämlich unterschiedliche Religionen nicht nur friedlich, sondern „gut“ zusammen leben können. Die Antwort des Buches ist nicht einfach, denn alle geschilderten Figuren scheitern – wie der titelgebende Judas – an ihren Ambivalenzen und an der Realität, die Liebende nicht selten wie Verräter aussehen lässt. Aus der gemeinsamen Lektüre und Diskussion ergab sich genug zum Weiterdenken für zuhause.

Gabriele Bonnacker-Prinz

Deutsche Sprache – schwere Sprache

Allseitiges interkulturelles Lernen im Rahmen eines Deutschkurses

Den Lernvorteil von Deutsch- und Integrationskursen sehen wir meist bei der Zielgruppe selbst. Das Beispiel des Kurses der Hildesheimer Geschäftsstelle der KEB in Giesen/Hasede, der mit Teilnehmenden vornehmlich aus dem Sudan und Somalia durchgeführt wurde, vermag zu illustrieren, dass diese Annahme - gottlob - nur eingeschränkt zutrifft. Der versierten Führung der Kursleiter Michael Herwig und Dr. Inge Petersen, beide Studienräte im Ruhestand, und der umsichtigen Begleitung von Armin und Gerlinde Jürß ist es zu verdanken, dass die Teilnehmenden über einen Zeitraum von mehr als 8 Monaten mehrheitlich über die verhältnismäßig lange Zeit bei der Stange blieben oder ihre Teilnahme aus begrüßenswerten Gründen beendeten. Das Curriculum wurde - ausgehend vom sog. „Tannhauser Modell“- sehr schnell geöffnet, außerdem bewährte sich die an den unterschiedlichen Fähigkeiten und Bildungsvoraussetzungen orientierte Arbeitsweise bestens. Die Vorbildung der Teilnehmenden erstreckte sich vom Analphabeten bis zum mittleren Bildungsabschluss, an Lebensjahren trennten die Teilnehmenden bis zu mehr als 20 Jahre. Die Kursleitung gestaltet den Unterricht lebensweltbezogen, was sich der Beobachterin bereits an der Begrüßung zeigt. Mit einem freundlichen „Guten Morgen“ betreten die Teilnehmenden schon nach den ersten Unterrichtseinheiten den Raum und es schließt sich ein kleiner „Small –Talk“ an – denn, irgendetwas geht immer. Der Lebensweltbezug macht auch vor der Hospitantin nicht halt, die sogleich auch erklären soll, wo in Deutschland die Stadt liegt, in der sie geboren wurde und in welchem der 16 deutschen Bundesländer diese liegt. Sodann erhält ein Teilnehmer den Auftrag im bereitliegenden Atlas den Ort zu finden und den Übrigen kenntlich zu machen. Dies selbstverständlich unter Nennung der Seitenzahl – man erinnere sich: erst der Einer, dann der Zehner, denn die deutsche Sprache ist auch bezüglich der Zahlwörter eigen. Apropos deutsch: selbstverständlich erfolgt auch eine Anwesenheitskontrolle mit einem Rückblick auf die Inhalte der letzten Unterrichtseinheit. Hier werden die unterschiedlichen sprachlichen Fähigkeiten der Teilnehmenden, die hier zusammen unterwegs sind, sehr deutlich. Während einige noch mit erheblichen Schwierigkeiten beim Verständnis wie auch der Aussprache zu tun haben, sind andere bereits in der Lage zu dolmetschen oder sind mit der Erörterung der 4 Fälle oder dem richtigen Präpositionengebrauch befasst – heißt es nun „im September oder in September“?

Die Kursleiter bewältigen die Aufgabe, diese höchst unterschiedlichen, höchst individuellen Lerngeschwindigkeiten und –-voraussetzungen zu begleiten und auf unterschiedlichen Ebenen für alle fruchtbar zu machen, bestens. Die Freude an der Erweiterung der kommunikativen Kompetenzen, die Woche um Woche fortschreitet, ist ihnen anzumerken. Die einen mag der unterschiedliche Kenntnisstand anspornen um bald ebenso eine Brückenfunktion einzunehmen, den anderen zeigt es, dass das Lernen sie in vielfältiger Hinsicht integriert, ohne dass sie den Kontakt zu den Schicksalsgenossen verlieren. Was zu lernen ist, ist vielfältig, da ist das lateinische Alphabet, die (manchmal) tückischen Regeln der Groß- und Kleinschreibung, die mit dem Merksatz: „Am Satzanfang und bei Nomen wird groß geschrieben!“ nur fürs Erste so umschrieben sind, um keine Entmutigung aufkommen zu lassen. Das Training der Lesekompetenz wird mit einem Zeitungsausschnitt kombiniert, was - ganz nebenbei - einen Abstecher in Landeskunde und Politik mit sich bringt. Die im Deutschen oftmals so unterschiedliche Aussprache gleicher Vokale stellt ebenfalls eine nicht geringe Schwierigkeit dar – und dann gibt es ja auch noch die Umlaute! Die phonetische Einheit schließt ab mit der Übung, in einem langen Satz mit –noch- unbekannten Wörtern jene, die zu betonen sind, zu isolieren und von dort den Sinn des Satzes zu erschließen und wiederzugeben. Eine alltägliche Anforderung für den, der die Dinge des täglichen Lebens in einem neuen sprachlichen Umfeld regeln muss.

Die beiden Kursleiter haben es in nur wenigen Wochen vermocht, eine freundliche und sehr konstruktive Arbeitsatmosphäre zu schaffen. Zu spät Kommende werden mit Handschlag begrüßt, was einen kleinen Exkurs zum Thema kulturspezifische Höflichkeitsformen mit sich bringt, und nehmen dann Platz, um in den Fluss des Geschehens zu kommen.

Das Bemühen, stets nah an der Lebenswelt der Teilnehmenden zu bleiben um ihre Lernmotivation hoch zu halten, zeigt sich an folgender Übung. Die, bis auf eine Ausnahme, männlichen Teilnehmenden äußern alle den Berufswunsch „Automechaniker“; also ist es naheliegend anhand von mitgebrachten Werkzeugen nicht nur Verben wie „drehen, halten, schrauben…“ zu üben, sondern auch dazugehörige Präpositionen. In einer anderen Einheit werden drei Teilnehmende gebeten ein Fahrrad, ein Auto und einen Bus auf ein Blatt Papier zu malen. Anhand der gezeichneten Fahrzeuge wird so die Steigerung von „schnell“ geübt. Danach wird eine Tüte auf den Tisch gestellt, nacheinander sollten die Teilnehmer jeweils einen Gegenstand aus der Tüte ziehen und dabei erklären, was sie in der Hand haben, woraus sie es genommen haben und wo sie es jetzt hinlegen.

In einer modifizierten Aufgabenstellung wurde gefragt, welche Gegenstände zusammen passen, und um eine Erläuterung gebeten. Um das geschriebene Wort und seine Tücken nicht außer Acht zu lassen, schreiben die Teilnehmenden nun noch drei Sätze über das, was sie auf dem Tisch sehen, oder darüber, was sie eben gemacht haben. Nach der Korrektur tippen die Teilnehmenden diese Sätze in den Computer, welcher an einen Beamer angeschlossen ist und es so jedem ermöglicht, die Sätze mitzulesen. Auf diese Weise wird deutlich, wo die Lernschwerpunkte der einzelnen Teilnehmenden liegen und was in den kommenden Unterrichtseinheiten verstärkt in den Blick genommen wird.

Diese Beispiele sollen zeigen, wie kleinteilig der Erwerb einer anderen Sprache ist, und wie anwendungsorientiert ein solcher Unterricht für Erwachsene gestaltet sein muss, denn die Teilnehmenden haben keine äußere Verpflichtung diesen zu absolvieren oder durchzuhalten. In den Unterrichtsgesprächen geht es auch darum, Zugänge zur deutschen Kultur zu eröffnen, was beispielsweise beim Dauerthema „Sie oder Du?“ deutlich wird, oder beim Thema „Mülltrennung“. Bei einer Exkursion in den „Haseder Busch“, ein nahegelegenes Naturschutzgebiet, lässt sich am Beginn des Frühjahrs eindrucksvoll verdeutlichen, welche Bedeutung das Frühjahr für die Mitteleuropäer hat und was ein „Spaziergang“ ist. Anhand verwunderter Fragen der Teilnehmenden (die über die Mülltrennung hinausgehen) lernen auch die Kursleitenden, welche weiteren kulturellen Wunderlichkeiten sich den Afrikanern –sonntags bieten. So berichtet ein junger somalischer Teilnehmer davon, dass er beim Vorbeifahren neulich ein großes Haus sah, und davon, wie auf den Balkonen und Terrassen ausnahmslos betagte Menschen saßen – manche allein, manche zu zweit, aber alle betagt. Warum man das tue, alle alten Menschen in einem Haus unterzubringen und: wozu dieses gut sein soll, möchte ein Somalier jetzt erklärt haben. Nach Erläuterungen zum Konzept eines Seniorenheimes fragt der junge Mann dann erstaunt: „Haben die denn alle keine Familie?“

Der Haseder Sprachkurs, wird mit jenen, die ansonsten ohne Unterricht wären, auch nach Ende der 170 geförderten Stunden fortgeführt werden; ermöglicht wird dies auch durch zwei großzügige Spenden wie durch das feinfühlige und sachkundige Engagement der beiden Kursleiter. Das Engagement des Giesener Ehepaars Jürß, das unermüdlich das ermöglicht, was man auch „aufsuchende“ Bildungsarbeit nennt, ist unbezahlbar für eine Gesellschaft wie die Unsrige. Der Bundesinnenminister ruft ihnen und allen anderen, die sich für die Geflüchteten und damit für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft engagieren, nach den bitteren Vorfällen im Juli 2016 zu: „lassen Sie sich durch solche Vorfälle nicht erschüttern. Ihre Arbeit ist für unser Gemeinwesen unendlich wertvoll. Wir brauchen Sie und wir sind Ihnen sehr dankbar für Ihr Engagement. Machen Sie bitte weiter“.

Schade, dass es solcher Anlasse bedurfte für diesen Appell, gut, dass er gemacht wurde. Wir jedenfalls, schließen uns in der Hoffnung, dass er vielfältig gehört wird, an!

Gabriele Bonnacker-Prinz
Geschäftsstelle Hildesheim


© 2017 - Katholische Erwachsenenbildung in der Diözese Hildesheim e.V.