Das von der Europäischen Union geförderte Projekt „Selber denken macht gescheit. Die Aktualität der Elementarpädagogik nach M. Margarete Schörl für die Elternbildung als Erziehungspartnerschaft“ wird getragen von der Fachstelle Beziehung-Ehe-Familie der Diözese St. Pölten, in Österreich. Neben der Katholischen Erwachsenenbildung (KEB) ist die Montessori Coop Bozen, Italien weitere Partnerorganisation.

Vieles, was in der heutigen Kindergartenpädagogik selbstverständlich ist – oder gerade wieder entdeckt wird -, geht auf Margarete Schörl (1912-1991) zurück. Die österreichische Reformpädagogin und Ordensfrau beeinflusste z. B. mit ihrem 'Raumteilungsverfahren' wesentlich die Kindergartenpädagogik.
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Margarete Schörl (kindergarten heute 9_2012, S[1]. 34-39).pdf

Seit vielen Jahren arbeiten die Kindertagesstätten der Arbeitsgemeinschaft Katholischer Kindertagesstätten und des Caritasverbandes Hannover nach den Grundlagen der Pädagogik von Margarete Schörl. Dabei wird ihr Konzept stetig fortgeschrieben und weiterentwickelt - insbesondere durch Fachtagungen und Fortbildungen. In Zusammenarbeit mit der Fachberatung und der Arbeitsgemeinschaft katholischer Kindertagesstätten in der Region Hannover (AGKKT) führt die KEB die Fortbildung für Pädagogische Mitarbeiter_innen in der Kindertagesstätte 'Selbst ist das Kind - Die Pädagogik nach Mater Margarete Schörl in der Kindertagesstätte' als KEB Zertifikatskurs durch.
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Bereits seit einiger Zeit bestehen Kontakte und inhaltlicher Austausch zwischen dem Caritasverband, der Katholischen Erwachsenenbildung Hannover und der Fachstelle der Diözese St. Pölten. Das letzte Expert_innentreffen fand auf Einladung der Diözese im Dezember 2016 in St. Pölten statt.
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Ziel des EU-Projektes ist der Praxisaustausch und der Wissenstransfer zur Schörl-Pädagogik unter den Projektpartnern. Schwerpunkte ist dabei die Stärkung und Erziehungspartnerschaft mit den Eltern.

Der Start und das erste fachliche Austauschtreffen der Projektpartner_innen waren mit einem Anlass verknüpft: Zum 105. Geburtstag am 27.September 2017 von Margarete Schörl wird ein Denkmal vor der Bundesbildungsanstalt für Elementarpädagogik St. Pölten enthüllt.
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Gedenkbüste für Margarete Schörl enthüllt.mp4

Vom 05. – 07. Februar 2018 fand unter Leitung von Alexandra Jürgens-Schaefer von der KEB Hannover das Treffen der Partnerorganisationen in Deutschland in Hannover statt. An einer internen Fachtagung am ersten Tag des Treffens nahmen neben den Projektpartner_innen Gäste aus fachlichen Netzwerken teil: Lehrende und Studierende des Kollegs/Bildungsanstalt für Elementarpädagogik St. Pölten, die Leiterin eines Kindergartens aus St. Pölten; Leiterinnen, Mitarbeiterinnen , Koordinatorinnen, Fachberaterinnen, und Trägervertreterinnen von katholischen Kindertagesstätten und Familienzentren aus Hannover; die Leiterin und Mitarbeiterin einer Familienbildungsstätte; Mitarbeiterinnen und Referentinnen in der Erwachsenenbildung aus St. Pölten, Hannover und Hildesheim; ein Erziehungswissenschaftler, ein „Schörl-Sachbuch“ Verleger, Vertreterinnen der Montessori Pädagogik und des Prager Eltern Kind Programms (PEKiP) sowie Absolventinnen des Schörl KEB Zertifikatskurses.

Im Rahmen einer Exkursion hospitierten die Teilnehmenden jeweils in einer Gruppe einer Kindertagesstätte, die nach der Pädagogik von Margarete Schörl arbeitet. Sie nahmen einen Vormittag lang am Gruppengeschehen mit den Kindern teil und tauschten sich mit den Pädagogischen Mitarbeiter_innen der Einrichtung aus.

Ihre Eindrücke und Erkenntnisse werteten die insgesamt 30 Teilnehmenden am Nachmittag gemeinsam im Tagungshaus St. Clemens aus. Als besonders auffällig beschrieben sie die beobachtete Eigenständigkeit der Kindern sowie die Offenheit, mit der die Kinder die „Hospitant_innen“ in ihre Gruppe und ihr Tun aktiv einbezogen. Die Wahrnehmungen und Fragen zur Umsetzung der Schörl-Pädagogik wurden mit den „Schörl-Pädagoginnen“ der Kitas und Fachberatung reflektiert und diskutiert.

Ihre praktischen Hospitationserfahrungen konnten die Teilnehmenden anschließend in dem Curriculum des KEB Zertifikatskurses „Selbst ist das Kind - Die Pädagogik nach Mater Margarete Schörl in der Kindertagesstätte“ wieder entdecken, das von den beiden Kursleiterinnen ausführlich dargestellt wurde: Margarete Schörl hat ihre Pädagogik aus der Beobachtung der Kinder heraus entwickelt. Ihre Pädagogik geht vom Kind aus. Das Kind mit seiner Persönlichkeit und seinen Kompetenzen steht im Mittelpunkt aller Überlegungen. Ihr Ansatz der 'nachgehenden Führung' unterstützt das kindliche Spiel als die Lebens- und Ausdrucksform des Kindes.

Der Kurs umfasst an 12 Tagen 96 Unterrichtsstunden und schließt mit einem Zertifikat ab. Inhalte sind: Entwicklungspsychologie- Entwicklungsschritte von Kindern verstehen und begleiten(16 Ustd), Spielen als elementare Form der Bildung (16 Ustd.), Zusammenarbeit mit Eltern (16 Ustd.) und der Transfer der Pädagogik nach Margarete Schörl in die Praxis inkl. halbtägige Hospitation (48 Ustd.).

Einen konkreten Einblick in das Abschlusskolloquium des KEB Zertifikatskurses gaben drei Kursabsolvent_innen mit der Präsentation ihrer Kolloquiumsarbeit- ein Rollenspiel mit Theorieerläuterung zum Thema „Zusammenarbeit mit Eltern“.

Im Rahmen des Projektaustauschtreffens fand am folgenden 06. Februar 2018 eine öffentliche Fachtagung statt, die sich insbesondere an pädagogische Mitarbeiter_innen in Kindertagesstätten richtete und an der über 70 Personen teilnahmen. Die Fragestellung des EU Projektes wurde mit Thema und Titel dieser Fachtagung aufgegriffen: „In der Liebe bleiben“ M. Schörl – Erziehungspartnerschaft mit Eltern im Kontext der Pädagogik nach M. Schörl.
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Für die pädagogische Arbeit in der Kindertagesstätte ist die Zusammenarbeit der Pädagogischen Fachkräfte mit den Eltern eine Voraussetzung und Grundlage. Nach Auffassung von M. Margarete Schörl sollte die Haltung in der Beziehung zu den Eltern die der Haltung zum Kind entsprechen. M. Margarete Schörl beschreibt die Beziehung zum Kind als „pädagogische Liebe“, als „disziplinierte Emotion“, die stetig reflektiert werden muss. Statt curricularer Vorgaben betont Schörl die Begleitung und Förderung der vom Kind ausgehenden Aktivität. Die Kinder sollen „nachgehend geführt“ werden. Dies geschieht mit einer verlässlichen Aufmerksamkeit, die sich dem einzelnen Kind zuwendet, wahrnimmt wie es ihm geht und was es jeweils braucht.

Folglich sollte im Sinne einer Erziehungspartnerschaft die Haltung zu den Eltern zugewandt, wertschätzend und partizipativ sowie nachgehend sein:

  • zugewandt: Wie geht es den Eltern und der Familie in ihrer spezifischen Lebenssituation?
  • wertschätzend und partizipativ: die individuelle Elternliebe und Erziehungskompetenz wahrnehmen und anerkennen
  • nachgehend: Orientierung und bei Bedarf Unterstützung bieten

Vor dem Hintergrund dieses Verständnisses von Erziehungspartnerschaft beschäftigte sich die Fachtagung in Vortrag und Workshops mit spezifischen Fragestellungen und Herausforderungen in der Zusammenarbeit mit Eltern: „Religionspädagogik in der Kindertagesstätte“; „Zusammenarbeit mit Eltern als elementarer Baustein pädagogischen Handelns in der Kindertagesstätte“; „Kinder psychisch kranker Eltern – Grenzen der Zusammenarbeit mit Eltern“ sowie „Frühkindliche Bindungserfahrungen und Hirnentwicklung und die Bedeutung der Erkenntnisse für pädagogische Fachkräfte“.

Von den Teilnehmenden wurde der fachliche Input und Austausch und insbesondere der internationale Vergleich sehr geschätzt, weil er zur Reflexion und Weiterentwicklung der eigenen Praxis anregt.

Am dritten Vormittag des Austauschtreffens in Hannover werteten die Projektpartnerinnen die zwei Fachtagungen aus und erarbeiteten weitere Fragestellungen für das nächste Austauschtreffen.

Dieses fand vom 23. – 25. Mai 2018 bei der Projektpartnerin in Italien, der Montessori Coop Bozen, Südtirol statt. Margarete Schörl war Montessorikursabsolventin und hatte auch persönlichen Kontakt zu Maria Montessori, verstand ihre eigene Frühpädagogik aber nicht als Fortführung der Pädagogik Montessoris. Margarete Schörl griff Ideen von Maria Montessori auf, die sie als zeitlosen pädagogischen Wert betrachtete: die Bedeutung der kindlichen freien Eigenaktivität als Grundlage und Weg der Entwicklung sowie die Haltung des/der Erzieher_in zum Kind.

So galt es bei dem Austauschtreffen in Sinne von Margarete Schörl „…nicht eine Lehrmeinung einer anderen gegenüber zu stellen, sondern die Werte der Lehre Montessoris mit den Forderungen zu konfrontieren, die sich aus der heutigen pädagogischen Situation ergeben.“ ( n. M. Schörl, in „KINDERHEIM, Heft 5, 1956)

Einem Workshop zum Umgang mit Pädagogischen Grundlagen am Anreisetag folgten am zweiten Tag des Austauschtreffens Hospitationen im Waldkindergarten und Schule Lichtenstern-Ritten www.waldkinder.it sowie im Kindergarten der Montessori Coop Kohlern www.montessori.coop. In den Räumen des Montessori Kindergartens konnten alle Projektteilnehmerinnen danach in einem Workshop die Montessorimaterialien ausführlicher kennenlernen und ausprobieren.

Im Rahmen des Programms Elternbildung der Montessori Coop fand am Abend ein öffentlicher Vortrag der österreichischen Projekträgerinnen zum Thema „Selber tun macht gescheit – Schörl-Pädagogik im Erziehungsalltag“ statt.

Den dritten Tag des Austauschtreffens nutzte die Projektgruppe zum Blick auf die ersten Transferergebnisse. Beispielhaft seien hier genannt: In der Montessori. Coop wird künftig ein Elterncafé stattfinden, so wie es die südtiroler Projektpartnerinnen in Hannover in einem Caritas Familienzentrum kennengelernt haben. Im Frühjahr 2019 werden im Rahmen eines neuen EU Projektes 60 Studierende der Bundes-Bildungsanstalt für Sozial- und Elementarpädagogik St. Pölten zwei Wochen in Kindergärten des Caritasverbands Hannover, die nach der Schörlpädagogik arbeiten, ein zweiwöchiges Praktikum absolvieren. In St. Pölten wird ein kommunaler Kindergarten, deren Leiterin an der Fachtagung in Hannover teilgenommen hat, zu einem „Schörl-Modellkindergarten“. Dazu sind Qualifizierungen für die Mitarbeiter_innen mit Fachreferentinnen aus Hannover geplant. Dass die KEB Hannover die Fortbildung „Selbst ist das Kind - Die Pädagogik nach Mater Margarete Schörl in der Kindertagesstätte“ im Format eines Zertifikatskurses durchführt, hat bewirkt, dass das Land Niederösterreich zukünftig Fortbildungen zur Schörl Pädagogik als Weiterbildungsmaßnahme für Erzieherinnen staatlich anerkennt.

Ergebnis des Projektes ist es aber vor allem, dass die Projektpartnerinnen durch den Austausch und die gemeinsamen Entdeckungen und Erfahrungen die weitere Forschung und Zusammenarbeit zur Schörl-Pädagogik über das Ende des EU-Projekts im September 2018 hinaus vereinbart haben – ganz nach Margarete Schörl: “Das Leben aber fließt, unentwegt verändert es sich und damit ändern sich auch die pädagogischen Bedürfnisse und Notwendigkeiten, aber auch die pädagogischen Möglichkeiten.“( M. Schörl, in „KINDERHEIM, Heft 5, 1956)

Alexandra Jürgens-Schaefer, 08.06.2018


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