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Für eine Kultur des Dienens
Jahrestagung der Katholischen Erwachsenenbildung zum Thema Heil und Heilung

 

 

„Beziehungsfähigkeit schaffen und Dialog zu ermöglichen“, sind nach Prof. Klaus Dörner Grundelemente für eine gute Therapie. Während der Jahrestagung der KEB forderte der bekannte Psychiater und Arzt eine neue „Kultur des Dienens“, die dem Einzelnen helfe, die „Bürde sinnfreier Freizeit“  zu ertragen.
Der Einladung nach Hannover, die sich in diesem Jahr mit dem Verhältnis von Theologie und Psychotherapie befasste, waren etwa 100 Personen gefolgt.
Neben Prof. Dörner sprach der Theologe und Psychologe Dr. Wunnibald Müller, Leiter des Recollektio-Hauses der Benediktinerabtei Münsterschwarzach über das Verhältnis von Spiritualität und Psychotherapie.
Vor dem Hintergrund verschiedener gesellschaftlicher Symptome votierte Dörner in seinem Referat für einen Paradigmenwechsel in der Dienstleistungskultur der sozialen Berufe.

  • Obwohl die technische Bewältigung von Krankheiten immer besser gelänge, nehme der gesamtgesellschaftliche Hilfebedarf zu.

  • Zwar sterbe kaum noch jemand an einer akuten Krankheit, aber oft zum Preis dauernder Abhängigkeit von Apparaten.

  • Das Bedürfnis, dem Menschen alle Kanten wegzutherapieren, gehe einher mit der Zunahme psychisch Kranker in unserer Gesellschaft

„Wir müssen uns (auch weil wir es nicht mehr bezahlen können), einen Teil der Hilfsunterstützung von den helfenden Berufen zurückholen.“ Die Entscheidung des 19. Jahrhunderts, hilfsbedürftige Menschen, insbesondere psychisch Kranke aus der Gesellschaft, aus der „Gemeinschaft der Heiligen“, zu entfernen, indem man sie in Anstalten steckte, sei aus heutiger Sicht falsch gewesen – für die Kranken ebenso wie für die Gesunden.

   

 

 

 

Entscheidend für Heilungsprozesse, so Dörner, sei der Aufbau von Beziehungen. Ein Heilungsprozess, der sich allein als das Abstellen eines Mangels versteht, greife zu kurz. Wichtiger sei es, eine Beziehung aufzubauen und sich der Frage zu stellen: Wie lebe ich als Mensch vollständig? Wie lasse ich mir den Anderen als vollständig erscheinen.
In der therapeutischen wie in jeder Beziehung bedeute das, Haltungen zu vermeiden, die Beziehung und Dialog verhindern.
Der Mensch lebe aus dem Bedürfnis des Lebens. Im Gegensatz zum Tier sei er weltoffen, zeitlich nicht begrenzt und in das Unendliche hinein gestellt. Zwar kenne er, wie das Tier, die egoistische Selbstbestimmung, brauche aber andererseits die Ansprache eines Gegenüber. Sein Wunsch sei es, Bedeutung zu haben für andere. Ohne dieses Bewusstsein, gelinge die Selbstannahme nicht. Der Mensch brauche Beziehung. Oder, wie Jürgen Habermas sagte: „Trösten, segnen, erlösen, dazu bedürfe es eines anderen, das könne man nicht selbst leisten.“ 

In diesem Zusammenhang forderte Dörner eine neue Kultur des Dienens. In unserer Gesellschaft erlebe der Leistungsbegriff einen enormen Zuspruch. „Wir brauchen mehr Menschen, die Beziehungen aufnehmen, die helfen und unterstützen, die ihre Zeit opfern.“ Der Bereich des Dienens trete immer mehr hinter eine Kultur der Leistung zurück. Beziehung aber entstehe nie über den Einsatz von Leistungskompetenz, sondern nur über die dienende Kompetenz.
Leistung sei einzubetten in die dienenden Dimension der Beziehung – nur so entziehe sie sich dem mörderischen Leistungsdruck. Dörner plädierte für die Wiederentdeckung des 3. Sozialraumes, der Nachbarschaft, (neben der Familie und staatlichen Einrichtungen), in der sich eine neue Kultur des Helfens entwickelt.  Hier könne sich jeder seine „Tagesdosis an Bedeutung für andere“ holen.
Dabei verwies er auf einen positiven Nebeneffekt: Die Befreiung von der „Bürde sinnfreier Freizeit“. Wer im Ruhestand lebe oder auch arbeitslos sei, könne einschätzen, dass sich freie Zeit und das damit verbundene Gefühl des Genusses nur bis zu einem Optimum steigern lasse. Werde dieser Genuss übersteigert, werde Freizeit zur sinnfreien Zeit und damit zur Qual.

 

 

Dr. Wunibald Müller leitete das zweite Referat ein mit einem Blick auf das indianische Heilungsverständnis. Wenn der Medizinmann eine Medizin verordne, verabreiche er nicht eine Arznei, sondern er versuche den Kranken hineinzunehmen in die „heilige, heilende, heilbringende Kraft des großen Geistes“. Aufgabe des Therapeuten sei die Sorge um die Seele des Menschen und die Hilfe bei der Suche nach dem Sinn des Lebens. Menschen ohne Orientierung hätten oft den Kontakt zu ihrer Seele verloren.
Ziel der Psychotherapie müsse sein, den Menschen diesen Kontakt wieder zu ermöglichen. Nach C.G.Jung entspreche die Seele Gott. Das Bewusstsein aber, dass das Unsichtbare (Gott, das Ewige) präsent ist, gehe verloren. „Gott ist in uns, wir aber befinden uns außer uns selbst (Augustinus).
Dabei reiche es nicht, in „theologischer Verblendung dem Blinden das Licht zu beweisen“, vielmehr müsse man ihm das Sehen  ermöglichen. Das aber gehe nicht ohne Berührung der Seele. Diese könnten wir nur in uns selbst wecken. Sie sei die heilende Instanz, die gegenüber dem fehlenden Ich die Führung übernehme. Die Herausforderung für Theologie und Psychotherapie liege darin, die existenziellen, zum Teil tragischen Ereignisse des Lebens nicht auszusparen, sondern den Menschen zu befähigen, sich ihnen zu stellen. „Es gelingt nur, dass ich ganz lebe, wenn ich das Wesentliche lebe“ so Müller in seinem Referat. Heilung geschehe,  „wenn der Geist die Seele berührt“, wenn die Erkenntnis über die eigene Person das Herz anspricht. In diesem Augenblick erfahre der Mensch eine neue Wahrheit, die ihm eine Chance zur Verwandlung biete. 

 

 

Die anschließenden Diskussionsrunden befassten sich mit Fragen, inwieweit die Kirchen Orte sind, in denen die heilbringende Kraft erfahren werden kann und welche Bedeutung sie für das Entstehen heilender (dienender) Beziehungen haben können. Dabei wurde deutlich, dass Gemeinde als heilende Gemeinschaft nur dort entstehen kann, wo eine Beziehungskultur möglich ist, wo Menschen einander begegnen können und sich in dienender Selbstlosigkeit annehmen. Ob die entstehenden Großgemeinden diesem Anspruch gerecht werden können, blieb offen.
 
Gregor Piaskowy

 

 

 

 
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